Werkstattkino

seit 1974 · regulärer Spielbetrieb seit 1976 · geöffnet

Das Werkstattkino ist ein unabhängiges, kollektiv ("Kollektiv der Einzelkämpfer") geführtes Programmkino im Keller des Rückgebäudes der Gaststätte Fraunhofer. Seine Spezialität sind Filmraritäten, Underground- und Genrekino, Experimentalfilme, Retrospektiven und Originalfassungen – oft in analogen Kopien. Die ehemalige Kegelbahn ist einer der eigenwilligsten Kinoräume Münchens.[1][2]

StatusGeöffnet
TypUnabhängiges Programm- und Repertoirekino
AdresseFraunhoferstraße 9, Rückgebäude, 80469 München
StadtbezirkLudwigsvorstadt-Isarvorstadt / Gärtnerplatzviertel
ÖPNVU-Bahnhof Fraunhoferstraße (U1/U2); Tram in der Umgebung
KarteOpenStreetMap
Gründung1974
Regelmäßiger Kinobetrieb3. April 1976 (abweichende Quellen: 4. April 1976)
Säle1
Sitzplätze46
OrganisationWerkstattkino e. V., Betreiberkollektiv
Telefon089 2607250
Websitewerkstattkino.de

Geschichte

1974 entwickelte Rainer „Thilo“ Pongratz gemeinsam mit Freunden die Idee, die kaum mehr genutzte Kegelbahn unter dem Wirtshaus Fraunhofer als Kino und experimentelle Werkstatt zu nutzen. Zur Gründungsgruppe gehörte auch Erich „Waco“ Wagner. Nach provisorischen Vorführungen und Umbauten begann im April 1976 der reguläre Spielbetrieb. Die genaue Datierung schwankt: Das zeitgenössisch recherchierte Kinoporträt von artechock nennt den 3. April 1976, das Kurzfilmfestival Bunter Hund den 4. April 1976.[1][3]

Der Kinosaal entstand in einer Kegelbahn von 1891. Im benachbarten Vorführraum wohnte Pongratz anfangs tatsächlich selbst – nach späteren Erinnerungen noch bis 1977, zeitweise zusammen mit einem 16-mm-Projektor vom Typ Siemens 2000. Bald kamen zwei 35-mm-Projektoren Ernemann VII B hinzu. Die historische Herkunft des Ortes prägt das Kino bis heute.[4][5]

Das Konzept war von Beginn an bewusst nichtkommerziell. Mitglieder des Kollektivs stellten ihre eigenen Programme zusammen. Daraus entstand eine Mischung aus vergessenen B-Movies, Horror, Science-Fiction, Western, politischem Film, experimentellen Arbeiten, Dokumentationen und Filmen, die in anderen Münchner Kinos keinen Platz fanden. Auch kontroverse Vorführungen und Auseinandersetzungen mit Behörden gehören zur Geschichte.[1][6]

Das Werkstattkino ist eng mit der Münchner Subkultur, insbesondere der Punk- und Undergroundszene, verbunden. Zum langjährigen Team zählen beziehungsweise zählten Wolfgang Bihlmeir, Erich Wagner, Doris Kuhn und Bernd Brehmer. Die Stadt München führt sie in ihrer Dokumentation der Kinoprogrammpreise als Verantwortliche auf.[6][7]

Saal und Technik

Saal1 ehemaliger Kegelbahnraum im Untergeschoss
Plätze46 (historisch 51)[8][9]
Filmformate35 mm und 16 mm, analoge Projektion als prägender Bestandteil des Betriebs
Historische ProjektorenSiemens 2000 (16 mm); Ernemann VII B (35 mm)
Digitale Projektionja
Leinwandmaße3,5 × 2 m (Quelle verloren)
Tonsystemunbekannt

Archiv und Filmverleih

Über den Kinobetrieb hinaus besitzt das Werkstattkino ein umfangreiches eigenes Filmarchiv und verleiht Kopien auch an andere Spielstätten. Wolfgang Bihlmeir schätzte den Bestand 2024 auf ungefähr 1.700 Rollen im 35-mm-Format und 500 Rollen im 16-mm-Format. Die Zahlen beziehen sich auf Filmrollen, nicht zwingend auf ebenso viele vollständige Filmtitel. Das Archiv macht das Kino auch zu einer Anlaufstelle für Filmgeschichte außerhalb des etablierten Kanons.[10][11]

Programm, Festivals und Auszeichnungen

Das Werkstattkino ist ein fester Veranstaltungsort für UNDERDOX, das Festival für Dokument und Experiment, und für das internationale Kurzfilmfestival Bunter Hund. Hinzu kommen zahlreiche Sonderreihen, Gespräche mit Filmschaffenden und Kooperationen mit der Hochschule für Fernsehen und Film München. So widmete sich eine Reihe im Januar 2026 den Anfängen der HFF München und ihrem zweiten Jahrgang.[12][13]

Für seine Programmarbeit erhielt das Kino wiederholt den Kinoprogrammpreis der Landeshauptstadt München, zuletzt auch 2026. Im selben Jahr feierte es das fünfzigjährige Bestehen seines regulären Spielbetriebs.[7][8]

Besonderheiten und Besuch

Der Zugang erfolgt durch die Hofeinfahrt der Fraunhoferstraße 9 und über eine Treppe in den Keller. Das Werkstattkino gehört räumlich zum Gebäudekomplex des Fraunhofer-Wirtshauses, ist aber als eigener Verein und eigener Kinobetrieb zu unterscheiden. Aufgrund der Kellerlage und der Treppe ist ein stufenloser Zugang nicht möglich.[4]

Das Werkstattkino verkauft keine Eintrittskarten oder Tickets, Reservierungen sind nicht möglich. Die Kasse besteht aus einer Geldkassette auf einem kleinen Holztischchen, dahinter die oder der Vorführende, daneben ein Träger mit einem vielfaltigen und wechselndem Angebot an Getränken in Glasflaschen.[14]

Persönliches

Eins meiner drei Lieblingskinos, in das ich gerne gehe, wenn mir die Vorstellungen inhaltlich nicht zu abgehoben sind.

Mein erster Film hier war vor mehreren Jahrzehnten "Teuflische Brüste" (Deadly Weapons), gefolgt von einem nicht mehr zu ermittelnden Rennfahrerfilm, von dem auch eine Szene auf den Stufen des Werkstattkinos gedreht wurde, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht waren das aber auch zwei verschiedene Filme.

Weder Deadly Weapons noch die oft genannten Splatterfilme sind jedoch für das Programm des Kinos bestimmend, damit würde man ihm nicht gerecht werden.

Zu seinen Lebzeiten präsentierte in den letzten Jahren regelmäßig Eckhardt Schmidt seine neuen Filme.

Jahre zurück liegend: mir ist es öfter passiert, dass ich der einzige Besucher einer Spätvorstellung war. Da hing es dann davon ab, wer gerade vorführte: "Ich spiele auch für einen Besucher" vs. "Für nur einen bleibe ich nicht da" - ich konnte das sehr gut nachempfinden.


Quellen

  1. artechock (2016): Werkstattkino – ausführliches Kinoporträt
  2. Werkstattkino – offizielle Website und Programm
  3. Bunter Hund: Geschichte des Werkstattkinos (abweichendes Eröffnungsdatum)
  4. München Wiki: Räumlichkeiten und frühe Geschichte
  5. Kalinka: Cinema paradiso – Wie das Kino in den Keller kam
  6. sub-bavaria: Werkstattkino und Münchner Subkultur
  7. Landeshauptstadt München: Kinoprogrammpreise
  8. OVB (2026): Münchens kleines Paradies – 50 Jahre Werkstattkino
  9. Munichx: Kinodaten und Programm (ältere Sitzplatzangabe)
  10. Süddeutsche Zeitung (2024): Hinter den Kulissen des Werkstattkinos
  11. Werkstattkino – Überblick und Angaben zum Archiv
  12. HFF München: Filmreihe im Werkstattkino 2026
  13. Filmstadt München: Bunter Hund 2026 im Werkstattkino
  14. Bunter Hund 2026: Kartenverkauf und Besuchshinweise

Weblinks

  1. Filmmuseum für Dreck Portrait des Werkstattkinos.
  2. Münchens Ort für abseitige Filme. Das Werkstattkino hat sich in 40 Jahren seine Einzigartigkeit bewahrt. Ein Besuch beim Kollektiv der Einzelkämpfer.
  3. Hier putzt der Kassierer noch die Klos Das Werkstattkino unterscheidet sich in vielen von anderen Lichtspielhäusern - und das seit 40 Jahren.
  4. Billige Sessel setzen sich durch Münchner Kinos im Test 1: Das Werkstattkino

Stand: Oktober 2026