Türkendolch
1962–April 2001 · geschlossen (Vorgänger: Türkenkino)
Das Türkendolch in der Türkenstraße 74 war ein kleines, einflussreiches Münchner Filmkunst- und Programmkino. Der ungewöhnliche Name entstand 1962, als der Kinopionier Fritz Falter das frühere Türkenkino übernahm und umbenannte. Mit Filmen abseits des kommerziellen Mainstreams wurde es über Jahrzehnte zu einer Institution des studentischen und cineastischen München.[1][2]
Steckbrief
| Status | geschlossen |
|---|---|
| Adresse | Türkenstraße 74, 80799 München (Maxvorstadt, am heutigen Georg-Elser-Platz) |
| Frühere Bezeichnung | Türkenkino |
| Name Türkendolch seit | 1962 |
| Kinobetrieb | etwa 1961/62 bis April 2001; zwischenzeitliche Betriebspausen |
| Säle | 1 |
| Sitzplätze | rund 130 (historische Angabe, keine dauerhaft gesicherte Bestuhlungszahl) |
| Leinwandmaße | nicht zuverlässig ermittelt |
| Profil | Filmkunst, Originalfassungen, internationale und avantgardistische Filme |
| Nachnutzung | zunächst Modeboutique „Zeitgeist“, später Café Zeitgeist |
Geschichte
Vom Türkenbad zum Türkenkino
In den Räumen befand sich früher das sogenannte Türkenbad, das nach einer lokalhistorischen Darstellung bis 1954 bestand. Danach wurden die Räume für Kinonutzung umgebaut. Das Türkenkino bestand bereits vor der Umbenennung; das exakte Datum seiner ersten Vorstellung ist nicht gesichert. In Darstellungen zur Geschichte der Türkenstraße findet sich auch 1961 als Beginn des Kinobetriebs.[1][3]
1962: Fritz Falters Türkendolch
Fritz Falter, der mit dem Occam-Studio und dem Studio Isabella zu den prägenden Persönlichkeiten des Münchner Filmkunstkinos gehörte, gab dem Haus 1962 den neuen Namen. Die Formulierung „Dolch gegen Kitsch“ fasst seine programmatische Absicht zusammen: Gegen ein als anspruchslos empfundenes kommerzielles Filmangebot setzte er auf anspruchsvolle, ausländische und experimentelle Produktionen. Ein zeitgenössisch überliefertes Detail sind besondere Donnerstagsangebote für Frauen. Die rund 130 Plätze waren bei dem überwiegend jungen Publikum begehrt.[2]
Genossenschaft und spätere Betreiber
Nach Konflikten Falters mit Mitarbeitern gelangte das Kino laut einer Rückschau der Abendzeitung in die Hände von 13 Genossenschaftern. Eine lokalhistorische Darstellung nennt einen Betreiberwechsel 1980. Für spätere Jahre ist eine Verbindung zum Kinounternehmer Hans-Joachim Flebbe und zur Gesellschaft „Gut Licht, gut Ton und volle Kassen“ dokumentiert, die nach einem artechock-Porträt unter anderem Türkendolch, Filmcasino, Neues Rottmann und Neues Arena betrieb. Das Porträt nennt außerdem den Kinobetreiber Anschütz in diesem Zusammenhang. Die genauen gesellschaftsrechtlichen Übergänge und Zeiträume sind mit den zugänglichen Quellen nicht lückenlos zu rekonstruieren.[2][4][5]
April 2001: Das Ende
Nach wiederholten Unterbrechungen endete der Kinobetrieb im April 2001. Als maßgeblicher Grund werden stark gestiegene beziehungsweise wirtschaftlich nicht mehr tragbare Miet- und Pachtforderungen genannt; die zeitgenössische Presse berichtet außerdem von Renditeeinbußen. Die Schließung fiel in eine Phase, in der in München zahlreiche kleine und mittlere Kinos verschwanden. Am 3. April 2001 wurde die Rettung des Türkendolch sogar Gegenstand eines Dringlichkeitsantrags im Münchner Stadtrat.[1][6][7]
Saal, Atmosphäre und Programm
Das Türkendolch besaß einen einzigen, schmalen, langgestreckten Saal, den artechock als charakteristischen „Schlauch-Saal“ beschreibt. Eine Rückschau der Süddeutschen Zeitung erinnert an ein dunkles, verschachteltes Kino mit schwarz gestrichenem Foyer. Zum Profil gehörten internationale Filmkunst, Originalfassungen und avantgardistische Werke; das Haus war eine Anlaufstelle für die Münchner Filmszene und studentisches Publikum. Verlässliche Leinwandabmessungen oder detaillierte Angaben zur Vorführ- und Tontechnik konnten nicht gefunden werden.[4][8]
Filmgeschichte: „Zur Sache, Schätzchen“
Eine Besonderheit: Das Türkendolch ist als Teil des damaligen Straßenbilds im Film Zur Sache, Schätzchen (1968; Dreharbeiten 1967) von May Spils zu erkennen. Das Historische Lexikon Bayerns bezeichnet es ausdrücklich als einen der Fixpunkte der Türkenstraße. Die Filmemacher und ihr Umfeld besuchten das Kino regelmäßig; damit war es nicht nur Abspielstätte, sondern Teil der Kultur, aus der die sogenannte Münchner Gruppe hervorging.[9]
Nachnutzung
Die erste belegte Nachnutzung war eine Modeboutique „Zeitgeist“: Ein Merkur-Artikel aus dem Jahr 2003 berichtet, der Modesalon sei etwa zwei Jahre zuvor in die ehemaligen Kinoräume eingezogen. Später entstand dort das Café Zeitgeist, dessen Standort in den früheren Kinoräumen an der Türkenstraße 74 in Berichten von 2011 und 2017 ausdrücklich bestätigt wird. Es handelt sich also um zwei verschiedene Nutzungen mit demselben Namen; ältere Darstellungen, die unmittelbar ein Café als Nachfolger des Kinos nennen, verkürzen die Abfolge.[10][11][12]
Datierungs- und Quellenhinweise
Die Jahreszahl 1961 wird teils für das Kino an diesem Standort angegeben, während die Umbenennung zum Türkendolch 1962 erfolgte. Deshalb sind die Jahre nicht zwangsläufig widersprüchlich. Die Zahl von etwa 130 Sitzplätzen ist historisch belegt, aber nicht als präzise Kapazität jeder Betriebsphase zu verstehen. Für einzelne Betreiberphasen fehlen genaue Daten.[2][3]
Persönliches
In diesem Kino war ich leider nie :(
Quellen und weiterführende Links
- München Wiki: Türkendolch – Standort, Vorläufer, Umbenennung, Schließung.
- Abendzeitung: Das große Münchner Kinosterben – ein historischer Blick – Falter, Name, 130 Plätze, Genossenschaft.
- Wikipedia: Türkenstraße (München) – Datierung 1961–2001.
- artechock: Münchner Kinoporträts – Studio im Isabella – Anschütz, Betreibergesellschaft und Saalcharakter.
- Süddeutsche Zeitung: Das Arri-Kino eröffnet neu – Flebbe und frühere Filmkunstkinos.
- Welt am Sonntag: Tod im Multiplex-Format (2001) – zeitgenössische Schließungsberichterstattung.
- München Transparent: Kinosterben in München, Stadtratsantrag vom 3. April 2001.
- Süddeutsche Zeitung: Türkenstraße – Künstler-Flair und Geschichte – Atmosphäre des Kinos.
- Historisches Lexikon Bayerns: Zur Sache, Schätzchen – Filmkulisse und Münchner Gruppe.
- Münchner Merkur: Trend zur Monokultur (2003) – Modeboutique „Zeitgeist“.
- Münchner Merkur: Café Zeitgeist – moderne Club-Atmosphäre (2011).
- MünchenBlogger: Café in München (19): Zeitgeist (2017).