Filmtheater Sendlinger Tor
1913–2025 · Historischer Filmpalast am Sendlinger-Tor-Platz
Das Filmtheater Sendlinger Tor war eines der ältesten und architektonisch eindrucksvollsten Münchner Kinos. Der von Carl Gabriel errichtete Filmpalast eröffnete am 17. Oktober 1913 und blieb mehr als ein Jahrhundert lang als großer Einzelsaal erhalten. Nach einem langjährigen Miet- beziehungsweise Pachtstreit endete der reguläre Kinobetrieb am 15. Januar 2025. Das denkmalgeschützte Gebäude blieb bestehen und wurde anschließend teilweise zwischengenutzt.[1][2]
| Status | Als reguläres Kino seit 15. Januar 2025 geschlossen; Gebäude erhalten |
|---|---|
| Adresse | Sendlinger-Tor-Platz 11, 80336 München |
| Stadtbezirk | Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt |
| Lage | Unmittelbar am Sendlinger Tor; U-Bahn- und Straßenbahnhaltestelle Sendlinger Tor |
| Karte | OpenStreetMap |
| Historischer Name | Sendlingertor-Lichtspiele |
| Eröffnung | 17. Oktober 1913 |
| Letzter Kinotag | 15. Januar 2025 |
| Säle | 1 |
| Plätze | Ursprünglich etwa 700; vor der Renovierung 1997 rund 580, danach rund 400; 2022 neu bestuhlt |
| Gründer | Carl Gabriel |
| Langjährige Betreiber | Familie Preßmar (seit 1945/46) |
| Denkmalschutz | Gebäude und historische Kinoarchitektur denkmalgeschützt |
| Ehemalige Website | filmtheatersendlingertor.de (weiterhin mit Kinogeschichte) |
Geschichte
1913: Carl Gabriels großer Kinopalast
Der Münchner Kinopionier Carl Gabriel, der bereits 1897 in seinem Panoptikum Filme gezeigt hatte, ließ am Sendlinger Tor ein für seine Zeit ungewöhnlich repräsentatives Lichtspieltheater errichten. Die Sendlingertor-Lichtspiele wurden am 17. Oktober 1913 mit dem historischen Drama Die Herrin des Nils eröffnet. Zeitgenössische Berichte schildern einen rund 700 Personen fassenden Saal mit ansteigendem Parkett, Rang, Galerie, getrennten Zugängen, effektvoller Beleuchtung und Warmwasserheizung. Das Gebäude gilt als früher beziehungsweise erster Stahlbetonbau Münchens und wurde im Reformstil von Heilmann & Littmann errichtet.[1][3]
Der Saal erinnerte mit seinen Säulen, hohen Gewölben und Emporen eher an ein kleines Theater oder Opernhaus als an ein gewöhnliches Kino. Ursprünglich besaß er sogar einen Orchestergraben. Zu den prominenten Besuchern zählten König Ludwig III. und Kronprinz Rupprecht. Anlässlich eines königlichen Besuchs 1915 wurde ein kurzer Film gedreht, der noch am selben Abend gezeigt worden sein soll.[1][3]
UFA-Zeit und Zweiter Weltkrieg
In den 1920er-Jahren war das Filmtheater eng mit dem Programm der UFA verbunden; 1928 übernahm der Konzern das Kino vollständig von Gabriel. Der Übergang zum Tonfilm erfolgte um 1930. Das Haus blieb auch während der NS-Zeit ein bedeutendes Münchner Erstaufführungskino. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude schwere Schäden, die zunächst nur notdürftig behoben wurden.[1]
Seit 1945/46: die Familie Preßmar
Fritz Preßmar senior verwaltete das Kino 1945/46 zunächst im Auftrag der amerikanischen Militärregierung und ließ Kriegsschäden ausbessern. Seit 1946 führten Mitglieder der Familie Preßmar den Kinobetrieb über mehrere Generationen weiter. Der Saal wurde zum Premierenkino und blieb bewusst ein einziger großer Zuschauerraum, während zahlreiche andere Filmpaläste in kleinere Säle aufgeteilt wurden.[1][4]
Zum 50-jährigen Jubiläum 1963 wurde Das Haus in Montevideo in Anwesenheit von Heinz Rühmann gezeigt. Der Schauspieler Fritz Preßmar junior trat später in Joseph Vilsmaiers Film Rama dama in einer kleinen Rolle auf. Die Familie betrieb zeitweise auch das Tivoli-Theater in der Neuhauser Straße; 2005 wurden Fritz Preßmar senior und junior für ihr Engagement mit der Medaille „München leuchtet“ ausgezeichnet.[1][4]
1997: umfassende Modernisierung
Nach rund zweimonatiger Schließung wurde das Kino am 26. September 1997 nach einer grundlegenden Renovierung wiedereröffnet. Die Investition betrug laut Betreiberchronik etwa 1,3 Millionen DM. Die Bestuhlung wurde großzügiger: Aus ungefähr 580 Plätzen wurden rund 400. Die Leinwand wurde erheblich vergrößert, Dolby-Digital-Ton installiert, das Foyer neu gestaltet und die Theke verlängert. Die historische Atmosphäre mit Rang und dekorativer Ausstattung blieb erhalten; die früheren Ranglogen entfielen.[1]
Später erfolgten weitere technische Modernisierungen, insbesondere der Umstieg auf Digitalprojektion. Noch 2022 wurde die gesamte Bestuhlung erneuert. Die Betreiber betonten weiterhin den Anspruch, moderne Bild- und Tontechnik mit einem historischen Kinoraum zu verbinden.[2]
2025: Ende des Kinobetriebs
Nach einem langjährigen Konflikt mit den Hauseigentümern und einem Urteil des Landgerichts München I vom 11. August 2023 musste die Betreiberfamilie den Kinobetrieb schließlich zum 15. Januar 2025 einstellen. Die Betreiber verabschiedeten sich mit dem Hinweis auf rund 18 Millionen Besucherinnen und Besucher seit der Eröffnung. Damit verlor München eines seiner letzten großen historischen Einsaalkinos.[2][5]
Ab August 2025 wurde ein Teil des Foyers als Café Plex genutzt. Für Anfang 2026 ist eine zeitlich begrenzte kulturelle Bespielung des Saals unter dem Namen „Das Neue D INGS“ dokumentiert. Diese Zwischennutzungen sind keine Wiederaufnahme des regulären Kinobetriebs. Eine dauerhafte Rückkehr als öffentliches Filmtheater war nach dem zuletzt recherchierten Stand nicht gesichert.[5][6]
Saal, Leinwand und Technik
| Saal | Ein großer Saal mit Parkett und Rang |
|---|---|
| Ursprüngliche Kapazität | Ca. 700 Plätze (1913; einzelne Darstellungen nennen abweichende Zahlen) |
| Kapazität nach 1997 | Rund 400 Plätze; spätere Neubestuhlung 2022 |
| Leinwand (technisches Datenblatt) | 9,3 × 5,6 m bei 1,66:1, rechnerisch ca. 52,1 m² |
| CinemaScope-Maskierung | 9,3 × 3,9 m bei ca. 2,35:1, rechnerisch ca. 36,3 m² |
| Projektion zuletzt | Digital; zuvor 35-mm-Film |
| Ton | Digitales Surround-System; nach Betreiberangabe auf „THX-Niveau“ (nicht zwingend eine THX-Zertifizierung) |
| Bestuhlung | 2022 vollständig erneuert |
Die Leinwandmaße stammen aus einem technischen Datenblatt für Veranstaltungen, datiert auf 15. November 2009. Die Website des Kinos beschrieb die Bildwand zuletzt allgemein als über 50 m² groß.[7][2]
Architektur und Denkmalwert
Der Kinosaal war ein seltenes erhaltenes Beispiel eines repräsentativen Lichtspielhauses aus der Frühzeit des Kinos. Die steile Empore, die hohe Decke, dekorative Säulen und Bögen sowie das aufwendige Foyer verliehen dem Gebäude einen besonderen Charakter. Das Filmtheater war in ein Wohn- und Geschäftshaus eingebunden; seine Architektur blieb für das Erscheinungsbild des Sendlinger-Tor-Platzes prägend. Der Gebäudekomplex steht unter Denkmalschutz.[3]
Programm und Besonderheiten
Das Filmtheater zeigte über Jahrzehnte Premieren, populäre deutsche und internationale Produktionen sowie Filme des Filmfests München. Die Familie Preßmar setzte auf ein breites, aber bewusst kuratiertes Programm und den Erhalt des klassischen Filmpalasts. Zum besonderen Selbstverständnis gehörte der persönliche Service im Gegensatz zur anonymen Multiplex-Atmosphäre.[1]
Das Kino war nicht nur als Vorführort, sondern auch als Zeitzeuge von Stadt- und Filmgeschichte bedeutsam: Es überstand zwei Weltkriege, die Umstellung vom Stumm- auf den Tonfilm, den Aufstieg des Fernsehens, die Multiplex-Welle und die Digitalisierung.[1]
Barrierefreiheit
Für die letzte Betriebsphase liegen hier keine ausreichend gesicherten Angaben über stufenfreie Wege, Rollstuhlplätze oder barrierefreie Sanitäranlagen vor. Wegen der historischen Bauweise und der verschiedenen Ebenen sollten hierzu keine pauschalen Aussagen getroffen werden. Der reguläre Kinobetrieb ist seit Januar 2025 eingestellt.
Persönliches
Da mir das Programm des Kinos in der Regel nicht zusagte, war ich hier nur selten. Wenn, dann meistens während des Filmfests München.
Was mich an der Debatte vor der Schließung dieses in der tat sehr schönen Kinos störte: die Reduzierung auf "böser Vermieter gegen arme Kinobetreiber" - auf der Betreiberseite standen nicht nicht nur Vater und Sohn, sondern eine GmbH mit zahlreichen Gesellschafter*innen, bei denen es wohl auch Überschneidungen mit den Hauseigentümern gab. Ganz so simpel wie dargestellt war der Konflikt also wohl nicht.
Quellen
- Filmtheater Sendlinger Tor: ausführliche Betreiberchronik
- Filmtheater Sendlinger Tor: Schließung, Ausstattung und Abschied
- Filmtheater Sendlinger Tor: Baugeschichte und Denkmal
- Filmtheater Sendlinger Tor: Medaille „München leuchtet“
- in münchen: Schließung und Zwischennutzung 2026
- Abendzeitung München (12.08.2025): neue Pächter des Foyers
- Filmtheater Sendlinger Tor: technische Detailinformationen (PDF, 2009)
Weblinks
- Ehemalige offizielle Kinowebsite mit Geschichte und 360°-Rundgang
- Aktuelle Standortwebsite Sendlinger Tor 11
Stand der Recherche: Oktober 2026. Historische und zuletzt veröffentlichte technische Angaben sind als solche gekennzeichnet.